DIE KREUZUNG und die Geschichte von Mehringplatz und Blücherplatz

Die Kreuzung als Kommunikationsort

zwischen den Sanierungsgebieten Rathausblock und Südliche Friedrichstadt

 


Erläuterung zu umfassendem und vereinfachtem Verfahren

 

Im Rahmen der Existenz zweier benachbarter Sanierungsgebiete bietet sich die einmalige Chance, zeitnah eine Neuordnung nebst stadtmorphologischer Reparatur vorzunehmen. Dazu holen wir hier etwas weiter aus und beginnen mit der Betrachtung bereits laufender Untersuchungen und historischer Zeitläufte, bevor wir weiter unten unsere Kreuzungsplanung vorstellen.

 

Gutachten | Planungen | Workshopverfahren

 

Der Senat hatte bereits 2010 die Vorbereitenden Untersuchungen Mehringplatz | Blücherstraße in Auftrag gegeben, die schließlich das Sanierungsgebiet Südliche Friedrichstadt zur Folge hatten. Schlussbericht

Bis auf die anstehende Umgestaltung des Innenhofs Mehringplatz hat sich an der Situation nichts geändert.

Wir dokumentieren auf den folgenden zwei Karten einige der im Gutachten aufgezeigten Mängel.
[Die Bezeichnung Sanierungsgebiet Rathausblock wurde von uns hinzugefügt.]

 

 


Karten aus dem Schlussbericht 2010 der Planergemeinschaft Durbach|Kohlbrenner im Auftrag der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt.
Quelle: Zentral- und Landesbibliothek Berlin

 

Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen bietet online eine Übersicht der Stadtmodelle im Berliner Städtebau. Zur Einführung in die Thematik heisst es dazu auf der Website:

 „Am 27. Mai 1999 wurde das „Planwerk Innenstadt“ und in der Visualisierung das städtebauliche Leitbild vom Berliner Abgeordnetenhaus zur Kenntnis genommen. Damit bildet es die überbezirkliche Planungsgrundlage für die Entwicklung der Berliner Innenstadt. Erstmalig wurden ab 1996 hierfür in der Stadtplanung amtlich genaue und gebäudescharfe Arbeitspläne in digitaler Form auf der Basis der ALK-Berlin in CAD erstellt, die mit Informationen aus aktuellen Luftbildern und allen bekannten Bau- und Planungsprojekten abgeglichen und vervollständigt wurden.

Die CAD-Daten werden sukzessive in der Abteilung II [Städtebau und Projekte] um die neuen Planungsprojekte erweitert und bieten somit die bestmögliche Datenbasis für deren Beurteilung und Entwicklung. Sie stellen heute in ihrer flächenmäßigen und inhaltlichen Weiterentwicklung den aktuellen Planungsstand des „Planwerk Innere Stadt“ dar.

Hier die zu einer Karte zusammengefügten Planbereiche MO1 und MO2:

 

Die in den 60er Jahren nach Westen über das Friedhofsareal verschwenkte Blücherstraße soll zurückgebaut werden. Sie soll in ihrem Verlauf wieder auf die Hallesche-Tor-Brücke zuführen. Die Kreuzung Mehringdamm | Obentraut- und Blücherstraße bliebe in ihrer überdimensionierten, stadtzerschneidenden Gestalt bestehen. Die hellbeige-farbenen Flächen markieren Baufelder, die historische Blockkanten zitieren und den Stadtraum definieren.

 

Im Jahr 2014 berief die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung ein städtebauliches und freiraumplanerisches Workshopverfahren für die Entwicklung des Bereichs Mehringplatz|Blücherplatz.

Der unten abgebildete Siegerentwurf thematisiert die Einfügung eines Neubaus für die Zentral- und Landesbibliothek [ZLB] sowie Ergänzungsbauten [rot] neben der Amerika-Gendenkbibliothek [blau] auf dem Blücherplatz. Leider fehlen bei diesem Entwurf Weitsicht und Mut, den westlichen Teil der Bülowstraße aus den 60er Jahren zurückzubauen.

Dagegen wurde der sinvolle Ansatz zur Öffnung der trennenden Brückenbebauung im Süden der Kreisfigur vom Denkmalschutz abgelehnt – ein großer städtebaulicher Irrtum. Wenn die Figur unbedingt erhalten bleiben soll, ließe sich der Brückenbau auch komplett verglast realisieren. Die Nutzung könnte ein Cafébetrieb übernehmen….

Die direkt gegenüber der ehmaligen Kaserne geplante  Bebauung [rot] verdeutlicht die Notwendigkeit, den gesamten Rathausblock städtebaulich zu integrieren und im Bauleitverfahren zu berücksichtigen. Die zusätzlichen Kubaturen betonen die übergroße, unwirtliche Kreuzung aus Mehringdamm, Blücher- und Obentrautstraße.

 

okra|vitteveen|bos
Masterplan aus dem städtebaulichen und freiraumplanerischen Workshopverfahren für die Entwicklung des Bereichs Mehringplatz|Blücherplatz im Auftrag der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung
Quelle: competition online
© okra

 

Upstall Kreuzberg e.V. möchte im Folgenden das Thema der überdimensionierten Kreuzung Mehringdamm | Blücher- und Obentrautstraße herausstellen. Die Planung stammt aus dem frühen 60er Jahren und atmet den Geist der autogerechten Stadt. Wie in dem Schlussbericht bereits festgestellt, muss die starke räumliche Trennwirkung abgebaut sowie eine Verbesserung von Gestalt und Aufenthaltsqualität  für Fußgänger und Radfahrer hergestellt werden.

Die Chance, synergetische Effekte aus dem Bestand der nebeneinanderliegenden Sanierungsgebiete Rathausblock und Südliche Friedrichstadt zu erzielen, ist einmalig.

Zur historischen Entwicklung:

 

 

Historie Mehringdamm | Blücherplatz | Mehringplatz

 

Animation 1935-1990

HistoMap Berlin [georeferenzierte historische Karten, einzelne Kartensegmente von uns zusammengefügt und als GIF übereinandergelegt]
© Landesarchiv Berlin & Beuth Hochschule für Technik

 

Diese Animation zeigt die dramatische Veränderung über die Jahrzehnte, unter denen der Bezirk noch heute zu leiden hat. Die Kriegsschäden im südlichen Kreuzberg 61 waren nicht ganz so immens wie nördlich des Halleschen Tors. Die Folgen der Teilung der Stadt führten wegen der umfassenden Neuordnung der Strukturen zu einem drastischen Eingriff in die Stadtmorphologie rund um den Mehringplatz.

Das Dilemma der Stadtentwicklung im Nachkriegs-Berlin lässt sich gut ablesen. Zerstörungen aus der noch frischen, unrühmlichen Vergangenheit wurden als Status Quo gesetzt und Teile der historischen Infrastruktur bewusst überplant. Der stadtmorphologisch „Reine Tisch“ wurde als Chance gesehen, gesellschaftspolitische Visionen großräumig in Stein und Beton umzusetzen. Jahrzehnte später wird mit dem Sozialen Brennpunkt Mehringplatz im Sanierungsgebiet Südliche Friedrichstadt deutlich, dass Stadtplanung andere Wege beschreiten muss. 

 


Funktionsfähige Lebensräume lassen sich nicht durch die Verknüpfung soziokultureller Visionen mit einem ästhetisch-formalen Duktus architektonischer Formsprache planen. Bewohnende und Nutzende müssen Mitspracherecht erhalten, um eine lebendige Struktur zu generieren, die Anpassungsprozesse ermöglicht.

 


 

Das städtebauliche Ensemble aus Mehring- und Blücherplatz ist also nach wie vor in einem desolaten Zustand. Dabei steht der als Rondel angelegte Mehringplatz in einer Reihe mit anderen stadtgeschichtlich herausragenden Zwillingsplätzen vor und hinter Berliner Stadttoren: Platz des 18. März und Pariser Platz [Quarrée] sowie Potsdamer und Leipziger Platz [Octogon]. Die in der Stadt angelegten Plätze hatten wichtige Kontroll-, Verteiler und Marktfunktionen. An den ausserhalb vorgelagerten Plätzen kamen radial die Wege aus dem Umland zusammen.

An dieser Karte läßt sich die Bedeutung der Plätze für die Königliche Residenzstadt ablesen:
Das gesamte Stadtgebiet war mit seiner Ausdehnung anfänglich südwestlich ausgerichtet.

 

Dusableau-Plan von 1737 | nicht genordet
Rondel [1734-1815 | Belle-Alliance-Platz von 1815-1946 | Franz-Mehring-Platz von 1946-47 | Mehringplatz seit 1947

‘Der Dusableau-Plan […] wird als eines der wichtigsten Dokumente zur städtebaulichen Geschichte Berlins angesehen, da er noch den Umfang der Stadt zeigt, den sie beim Tode Friedrichs I. im Jahre 1713 hatte‘. [K. Lindner, 1994]  […] Innerhalb des mächtigen Bauwerks liegen [Alt-]Berlin, [Alt-]Cölln und Friedrichswerder, außerhalb die Dorotheen- und die Friedrichstadt, die in ihrer markanten Dreiecksform – nach ihrer ersten Bauphase – weiter planvoll zu einer barocken Stadt, begrenzt durch drei gleichfalls geometrisch gestalteten Plätze [Quarré, Octogon, und Rondeel od. Rondell], ausgebaut wurde.’ [Zitat aus Luise-Berlin, Berlin-Lexikon]

 

Vorbild war die Piazza del Popolo in Rom, hier als Plan von 1727 mit dem Monte Pincio.

 

Druck nach einem Stich von Giovanni Battista Cipriani, 1727

 

Und so stellte sich das Rondell um 1740 dar:

 

Kolorierter Kupferstich von Christian Heinrich Horst [im Hintergrund rechts über dem rechten Torhäuschen: Der Kreuzberg, damals einer der Tempelhofer Berge ]

 

Die Stadt dehnte sich vor den Toren weiter aus – die Platzfigur entwickelte sich auf dem historischen Grundriss weiter.

 

Luftbild von 1921. Links unten in der Bildecke ist der ehemalige Garten der Offizier-Speiseanstalt zu erkennen. Gegenüber das Gebäude der Handwerkskammer an der damaligen Teltower Straße.

 

Dass sie bei Mehring- und Blücherplatz gründlich beseitigt werde konnte, liegt an der weiten Entfernung von der damaligen Ost-West-Demarkationslinie abseits der Mauer. So konnten sie seit Anfang der 60er Jahre leider ungehindert entwickelt und bebaut werden.

Während also Leipziger und Potsdamer Platz sowie Pariser Platz und Platz des 18.März durch die Lage im ‘Niemandsland‘ geschützt waren und nach dem Mauerfall ihrer ursprünglichen Bedeutung gemäß wieder hergestellt wurden, kommt die Stadtentwicklung bei Mehring- und Blücherplatz nicht voran. Für das Ensemble muss eine stadthistorisch bedeutende Gewichtung gelten.

 


Zudem wird mit jedem neuen punktuellen Eingriff die ehemalige Teilung der Stadt zementiert. Nicht zuletzt wegen des nicht mehr durchfahrbaren, ehemaligen sowjetisch besetzten Sektors Berlins wurde die autogerechte Straßenplanung Richtung Entlastungsstraße [angelegt 1961] im Tiergarten gelenkt, um den Ostteil der Stadt besser umfahren zu können. Aus dieser Logik musste die Friedrichstraße eine Sackgasse werden und in einer Art Stadtrandsiedlung enden.

 


Die Aufgabe einer Neuordnung ist mehr als notwendig: Ein Symposium und ein Runder Tisch als Grundlage für weitere Planungen wären ein erster Schritt in diese Richtung.

 

Wie auf den folgenden Entwurfsskizzen erkennbar, sollte eine neue, progressive Stadt aus den Ruinen des Belle-Alliance-Platzes [Mehringplatz] und des Blücherplatzes emporwachsen. Den Planern schwebte eine Art Gartenstadt vor, die Vision einer vom historischen Ballast befreiten, modernen Gesellschaft. Abgesehen von der Ost-West-Achse am Landwehrkanal sollte dieses Quartier nicht von Verkehrsadern durchschnitten werden.

 

Entwurf von Walter Gropius
Quelle: Berlinische Galerie – Sammlung Online
© Berlinische Galerie

 

Entwurf: unbekannt
Quelle: Berlinische Galerie – Sammlung Online
© Berlinische Galerie

 

Entwurf von Hans Seiler, 1963
© Stadtmuseum Berlin

 

 

So lag es damals nahe, den im Krieg weitgehend zerstörten, westlich an den Blücherplatz anschließenden Block zu durchbrechen und den Mehringdamm nach Nordwesten zu verschwenken, um eine Verbindung zu Stresemann- und Wilhelmstraße herzustellen.

 

Foto von 1958, Blick von Nordosten, ehemaliges Kasernengelände mit Pfeil und Umrandung gekennzeichnet. Die Schneise für den neuen Verlauf des Mehringdamms deutet sich bereits an [grün gestrichelte Linie]. Der Neubau der Handwerkskammer [damals noch Gewerbeförderungsanstalt, pink] markiert den Eintrittspunkt des verschwenkten Mehringdamms in den ehemals geschlossenen Block. 
Quelle: Der Tagesspiegel ‚Kreuzberg im Wandel der Zeiten
© Imago

 

Die zum Blücherplatz führende Blücherstraße wurde gekappt und über den nördlichen Teil der Friedhöfe [im Foto oben noch intakt erkennbar] direkt zum neuen Mehringdamm geführt, um dort die heutige große Kreuzung zu bilden. Nördlich des Mehringplatzes sollte die neue Südtangente in Ost-West-Richtung verlaufen [im Entwurf von Walter Gropius am oberen Bildrand erkennbar, siehe zwei Skizzen weiter oben].

 

Aus dieser Perspektive ist der alte, sehr schöne Bogenverlauf der damaligen Belle-Alliance-Straße Richtung Blücher- und Mehrinplatz  gut zu erkennen.

 

1900 | Kreuzung Yorck- und Gneisenaustraße mit der Belle-Alliance-Straße [Mehringdamm]. Auf der linken Seite mittig in ihrem Verlauf: die Dragonerkaserne. Rechts daneben, das kleine Haus an der Brandwand, markiert die Einmündung der damaligen Teltower Straße [Obentrautstraße]. Hier stand später – bis zur Kriegszerstörung – die alte Handwerkskammer.
© Landesarchiv Berlin

 

Hier der Blick vom Blücherplatz, 1951

 

© Stadtmuseum Berlin

 

Die Stadtplanung wird aber andere Wege eingeschlagen. Der U-Bahnbau Richtung Fehrbelliner Platz [U7] wird parallel zur Verschwenkung des Mehringdamms vorangetrieben.

 

1964 | Blick auf das Rheinlandhaus von Heinrich Kosina. An dieser Stelle stand ursprünglich die Offizier-Speiseanstalt  [Historie Kasernengelände, 1909 und 1926]
© Landesarchiv Berlin

 

Die U-Bahn-Arbeiten sind abgeschlossen, das Rheinlandhaus abgerissen und die Verlegung des Mehringdamms zeichnet sich bereits durch den im Erdgeschoss geöffneten Nordost-Turm des Finanzamts und die Grenzsteine des Straßenpflasters an.

 

© Landesarchiv Berlin

 

Die zwei folgenden Bilder Zeigen den Einschnitt in den Block und die Bauarbeiten an der neuen Mehringdammbrücke über den Landwehrkanal.

1965 | Blick Richtung Mehringplatz [links, zerstört], Bahnhof Hallesches Tor [Mitte] und Blücherplatz [rechts, mit Heilig-Kreuz-Kirche] auf die Abfangungsarbeiten des U-Bahn-Viadukts und der Kanalbefestigung.
© Landesarchiv Berlin

 

1965 | Blick vom U-Bahn-Viadukt auf den durchschnittenen Block an Blücherplatz und Mehrindamm [Pfeil: die Lücke besteht bis heute]
© Landesarchiv Berlin

 

Für den Mehringplatz setzte sich der Entwurf von Scharoun und Düttman durch, der die runde Platzfigur wieder aufnahm. Und dennoch:

 


Der alte Mehrindamm wurde am Blücherplatz zur Sackgasse, die Sackgasse nach Norden zum Mehringplatz mit Pflanzbeeten verbarrikadiert, der Mehringplatz nach Süden zum Blücherplatz mit einem Brückenriegel abgeschnitten und die Hallesche-Tor-Brücke zu guter letzt mit Busparkplätzen verstellt. Der Mehringplatz ist bis heute ein sozialer Brennpunkt, die gewachsene Stadtmorphologie nachhaltig gestört.

 


 

Im Hintergrund die Karte von 1947, die den Status vor der Kriegszerstörung wiedergibt und gleichzeitig erhaltene Bauten dokumentiert [schraffierte Flächen auf den Liegenschaftsgrundrissen] – darüber Linien und Flächen der heutigen Verkehrsführung.
© Landesarchiv Berlin | Upstall Kreuzberg e.V.

 

Diese Sichtachse vom Belle-Alliance-Platz in Richtung Blücherplatz und Belle-Alliance-Straße [Bebauung im Hintergrund zwischen den Torhäusern]…

 

Foto von 1886
© Stadtmuseum Berlin

 

… wurde durch einen Brückenriegel verbaut.

 

 

Ein veritables städtebauliches Schlachtfeld. Der dringende Bedarf an umfassender Raumentwicklung und Neuordnung lässt sich unschwer erkennen.

 

 

Stadtreparatur | Überlegungen

 

In der folgenden Skizze definieren wir Stadträume und stellen sie in einen gestalterisch-thematischen Zusammenhang an der einer starken, städtischen Nord-Süd-Achse:

 

 

Vertikale Gärten
Der überproportionale Anteil an vesiegelten Flächen durch Erschliessungsstraßen, Parkplätze, Parkhäuser und Gehwege könnte durch grüngestaltete Fassaden, Balkone, Terrassen, Dächer und vertikale Wuchshilfen kompensiert werden. Auch in Hinsicht auf die den Platz umgebende Hochhausbebauung eine interessante Gestaltungsperspektive.

Campuspark
Bücher, Bildung, Wissen – Diskussionen, Vorträge und Seminare. Daran schließend die letzte Ruhestätte bedeutender Kultur- und Wissensträger*innen der Gesellschaft. Verbunden in einer Kombination von lebenserhaltendem Grün und Parkgestaltung.

Beete und Streuobst
Stichworte für eine kleinparzellige, heterogene Kiezstruktur, die sich an den Bedürfnissen der Bewohner*innen und Nutzer*innen orientiert – Wohnungsbau, Sicherung des vorhandenen Gewerbes und Verdichtung stehen hier nicht im Widerspruch. Es besteht das großes Potential, einen Kulturraum neuen Berliner Typus’ zu schaffen.

Theodor-Wolff-Park, Viktoriapark und Tempelhofer Feld
reihen sich mit den oben genannten Grünquartieren an die reaktivierte Nord-Süd-Achse. Die Hallesche-Tor-Brücke wird für den Individualverkehr jeweils einspurig wiederbelebt, ohne die ÖPNV-Halteplätze zu verdrängen. So können auch Bewegungen von Mehringdamm und Zossener Straße umverteilt werden [blaue Pfeillinien], was dort wiederum eine Querschnittsverengung ermöglicht.

Innerstädtische Flächen werden wieder kleinteiliger und differenzierter, Straßen entschleunigt und passierbarer.

 

Wesentliche Bestandteile der Überlegungen sind

  • der Abriss und die Renaturierung der jetzigen westlichen Blücherstraße. Damit kann eine große, zusammenhängende Grünfläche mit den Friedhöfen gebildet werden. Mit der geplanten Ansiedlung der Zentral- und Landesbibliothek Berlin [ZLB] bietet sich die Gelegenheit eines Park- und Bildungscampus.

  • die Reaktivierung der ehemaligen radialen Verkehrsachsen [eine Spur je Richtung plus eine Fahrradbahn je Richtung] inklusive  der Hallesches-Tor-Brücke. Die Verkehrsfläche des alten Mehringdamms und die Trasse der alten Blücherstraße sind noch vorhanden. In der Bilanz wird mehr Grün geschaffen als verloren geht, da die jetzige Blücherstraße hinter der Amerika-Gedenkbibliothek inklusive Parkspuren sechsspurig ist.

  • der fußweg- und fahrradfreundliche Rückbau der Kreuzung Mehringdamm | Blücher- und Obentrautstraße. So wird eine bessere Anbindung an den neuen Campuspark [anstelle der jetzigen Blücherstraßen-Schneise] und an das Ensemble aus Blücher- und Mehringplatz gewährleistet.

  • Herausbildung von Baufeldern zur Schaffung neuer Wohn- und Arbeitsräume. Die Baufluchtlinien am Blücherplatz beziehen sich auf die Vorkriegsbebauung und betonen wieder die radiale Anlage. Die alten Torhäuser am Mehringplatz werden durch neue, kompakte Formen zitiert, die die begleitenden Grünflächen erhalten und die Rundbebauung mit dem Blücherplatz verknüpfend ergänzt. Das Baufeld an der Nordwestecke des Rathausblocks bildet quasi den Schlusspunkt des Wachstums der Stadt um die alte Preussische Kaserne herum und schützt den neuen Kiez vor Verkehrslärm. Die alte Achse des Mehringdamms zum Blücherplatz wird hervorgehoben.

Insgesamt wird der städtische Rhythmus aus dem Wechsel von Verdichtung und Öffnung, Straßenfluchten und Platzanlagen, Gebäuden und Grünflächen konturierter. Bebauungsdichte und die verkehrliche Bewgung [insbesondere fussläufig und per Fahrrad]  müssen city-typisch zunehmen, um eine konstante Durchströmung zu gewährleisten. Ruhige Erholungsflächen bleiben bestehen, sollen aber auch intensiver und spezifischer genutzt werden, um Leerräume zu verhindern, die ein Vakuum erzeugen.

 

In etwas kleinerem Maßstab [näher am Objekt] der Blick auf den Entwurf für einen Rückbau der Kreuzung aus Mehringdamm | Blücherstraße | Obentrautstraße.
zum Downloaden auch als PDF

Ähnlich der städtebaulichen Entwicklung am Nettelbeckplatz werden hier ausschließlich autogerechte Strukturen zugunsten einer Platzfigur beziehungsweise eines Geländegwinns für den öffentlichen Raum mit einer Aufenthaltsqualität zurückgebaut.

Darüberhinaus wird vom Blücherplatz bis zur Baruther Straße ein großer zusammenhängender Grünblock geschaffen. Die fussläufige Erschließung und eine fahrradfreundliche Fortbewegung werden gefördert.

 

 

Wir halten eine Reduzierung der Fahrstreifen für den motorisierten Individualverkehr auch für den Mehringdamm erforderlich, um Fuss- und Radwege zu fördern. Dazu passt die Veröffentlichung der aktuellen Umweltbewusstseinsstudie des Bundesumweltministeriums vom 12.04.2017:

Die Menschen sind bereit, auf das Auto zu verzichten, aber sie brauchen gute Alternativen. Weniger Autos, ein leistungsfähiger und günstiger öffentlicher Nahverkehr, gute und sichere Fahrradwege – all das wünschen sich viele Menschen, weil es ihre Lebensqualität verbessert und die Umwelt schützt. Das ist eine starke und wichtige Botschaft sowohl für die Umweltpolitik als auch für die Stadtentwicklungspolitik. Sie wird uns Rückenwind geben in unserem Einsatz für die Stadt der kurzen Wege, für neue Radwege und nachhaltige Mobilität.

Zitat Bundesumweltministerin Barbara Hendricks

 


Abschliessend möchten wir nochmals an alle Verantwortlichen appellieren, sich der gesamtstädtischen Bedeutung des Ensembles aus Mehringplatz und Blücherplatz bewusst zu werden und demenstprechend zu handeln. Die zivilgesellschaftlichen Akteure sind bereit, sich zu engagieren und einzubringen. Die Kreuzung und die Existenz zweier aktuell aneinander grenzender Sanierungsgebiete bieten uns den willkommenen Anlass, den ganz großen Bogen zur Stadtgeschichte zu schlagen.

 

Wir sollten die Chance nutzen.

 


 

 

 

Der Vollständigkeit halber

sei im Folgenden der aktuelle, kleinräumliche Ansatz wiedergegeben, mit denen die Stadtentwicklung versucht, punktuell Ordnung in die zerstörte Stadtmorphologie zu bringen.

 

 

2016 wurde der vom Senat ausgeschriebene  landschaftsplanerische Ideen- und Realisierungswettbewerb nur für den Mehringplatz abgeschlossen.

 

 

Die Umsetzung beginnt mit dem Ende der Abdichtungsarbeiten am U-Bahn-Tunnel der BVG. Es handelt sich dabei jedoch nur um eine Einzelmaßnahme für die Oberflächengestaltung – die tiefgreifende, umfassende Neuordnung und -gestaltung in einer Gesamtschau fehlt nach wie vor.

Der trennende und abriegelnde Bückenbau Richtung Blücherplatz bleibt aus Denkmalschutzgründen im Original bestehen. Dabei ließe sich hier ein kreativer Ansatz verfolgen, der nur die Kubatur des Gebäudeteils wiedergibt, indem man ihn abreißt und als Glaskubatur neu errichtet. Als Nutzung könnte beispielsweise ein Café- und Restaurantbetrieb einziehen.

Ausserdem wird das Problem vernachlässigt, dass beinahe alle offenen Durchgangsbereiche unter der inneren Ringebauung zum Urinieren genutzt werden. Inwieweit der künftig neu gestaltete Innenraum dem entgegenwirken kann, bleibt abzuwarten.

Der innere Ringbau wurde zwar in die Planung einbezogen, durfte aber ebenfalls wegen des Denkmalstatus nicht verändert werden. So haben sich einige Planer*innen darauf beschränkt, die Durchgänge mit ‚Stadtmöblierung‘ auszustatten. Die drittplatzierten Atelier le Balto hatten in 5 Durchgängen eingeschobene Glaskuben für verschiednene Nutzungen vorgeschlagen. Versteckte Winkel bleiben aber bestehen, sobald die Kuben nicht genutzt werden.

Auf dem folgenden Foto ist das Dilemma gut zu erkennen. Es zeigt die Erdgeschosszone des inneren Ringbaus mit seinen T-förmigen Treppenhäusern und dem dazwischenliegenden Stützenwald.

 

Entwurf des zweitplatzierten Büros Lützow 7
Quelle: Screenshot competition online
© Lützow 7

 

Das Gebäude bleibt auf seinen vielen Säulen stehen, nur die Treppenhäuser halten Kontakt zum Grund. Dieser architektonische Kunstgriff sollte einst den äußeren Ring mit dem Zentrum des Platzes verbinden, sorgt aber für den aktuellen Missstand der unzähligen dunklen und versteckten Winkel in den niedrigen Durchgängen. Um diese zu beseitigen, könnte der Denkmalschutz auch hier nur auf den Erhalt der städtebaulichen Figur reduziert werden.

 


Denkbar wäre, das erste Geschoss zwischen der Treppenhäusern zu opfern und hohe [verdeckte] Träger unter das zweite Obergeschoss zu ziehen, die die gesamte Weite von Treppenhaus zu Treppenhaus überspannen. Dadurch entstünden höhere, stützenfreie Durchgänge, die eine größere Öffentlichkeit, mehr Sichtbarkeit und damit mehr Sicherheit herstellten. Obwohl die Proportionen des betreffenden Baukörpers verändert würden, bliebe die städtebauliche Figur erhalten.

 


 

 

Und noch ein Bonbon aus den Tiefen der 80er Jahre [1988]:
Ein nicht realisierter Entwurf zur Renovierung und Erweiterung der Amerika Gedenkbibliothek am Blücherplatz.

 


© Steven Holl Architects

 

Immerhin nimmt dieser Ansatz bereits die aktuellen Überlegungen vorweg, an diesem Standort die neue Zentral- und Landesbiblothek Berlin zu errichten. Diesen Gedanken haben wir bereits mit unserer weiter oben bebildeten Skizze zu den Stadträumen unterstützt.

 

 

 

 

 

 

 

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