Historie Kasernengelände

Geschichte des Kasernengeländes

 

ehemalige Kaserne der Preußischen Armee mit verschiedenen nachgewiesenen Namen:

  • Upstall-Kaserne
  • Garde-Dragoner-Kaserne
  • Dragonerkaserne

zuletzt Standort des

1. Garde-Dragoner-Regiment [Kavallerie] Königin Viktoria von Großbritannien und Irland

 

Der heutige Standort Mehringdamm Ecke Obentrautstraße hatte im Laufe der Zeit folgende Straßennamen:

  • Belle-Alliance-Straße Ecke Teltower Straße
  • Tempelhofer- Ecke Mühlenstraße.

 

Der alte Upstall

 

Ethymologie

 

Da der Begriff Upstall heutzutage nicht mehr gebräuchlich und wenig bekannt ist, wird er beim ersten Lesen meist englisch ausgesprochen: [ʌpstɔːl]

Upstall  ist nach wie vor ein deutscher Begriff und wird mit einem kurzen, offenen u wie in um und dem stimmlosen sch wie in Stall gesprochen: [ụpʃtal]

„Das Wort Upstall ist flämisch-brabantischen Ursprungs und wird als eingezäuntes Flurstück übersetzt, das die Dorfgemeinschaft als gemeinsames Weidegebiet, die sogenannte Allmende, nutzte.“
Hajo van Lengen [Hrsg.]:Die Friesische Freiheit des Mittelalters – Leben und Legende, S. 424, Verlag Ostfriesische Landschaft, 2003

Es war ursprünglich weit verbreitet und ist auf vielen alten Karten, in der Literatur und noch als Straßenname zu finden, z.B. in Berlin-Mariendorf als Upstallweg. Wikipedia führt die Begriffserklärung weiter aus und zitiert sogar eine historische Quelle, die sich direkt auf das Areal vor dem „Halleschen Thore“ bezieht.

 

Standort

 

Und hier ist sie neu gebaut worden, als es innerhalb der Berliner Akzisemauer zu eng wurde [siehe dazu auch die folgenden Karten [1846|1863]:
Auf dem untenstehenden Gemälde ist der Upstall als Allmende oder Viehweide der Tempelhofer Bauern in Blickrichtung Süden dargestellt. Im Bildhintergrund die Tempelhofer Berge [rechts der noch unbebaute Kreuzberg] und die Dorfkirche Tempelhof [Bildmitte, im Hintergrund, idealisierend vergrößert].

 


Friedrich Wilhelm Schaub, Berlin, Upstall unterhalb der Tempelhofer Berge, 1780
© Jüdisches Museum Berlin

 

Zur Verdeutlichung anhand alter Landkarten der Umzug vor die Tore Berlins

 


Ausschnitt aus den Karten B 54/1846/2 und B 54/1863/1
Historische Berliner Stadtkarten
© Zentral- und Landesbibliothek Berlin

 

 

Vollständige Chronologie

 

1767

Bau einer Infanteriekaserne im zuge der Armeevergrößerung unter Friedrich II

„Für das Möllendorfsche Regiment [Infanterieregiment Nr. 25] wird eine Kaserne errichtet, die zeitweise auch das 1. Dragoner-Regiment beherbergt. Ihretwegen rückt man die Stadtmauer […] über den dicht vor dem Tor fliessenden Landwehrgraben hinaus.“ Helmut Zocke, siehe Quellen unten

 

 

1847

Auftrag an den Geheimen Oberbaurat Fleischinger und Baumeister Drewitz zum Bau einer neuen Kaserne.
Der Militärfiskus erwirbt den nördlichen Teil des ehemaligen Upstalls von den Tempelhofer Bauern, da das direkt südlich an den Schafgraben anschliessende Areal von der Plamannschen Erzeihungsanstalt genutz wird. Deren bekanntester Schüler ist Bismarck.

 

 

1848

Kaserne innerhalb der Akzisemauer wird beim Ausbau des Schafgrabens zum Landwehrkanal abgerissen

 

 

1850-55

Bau der neuen Kaserne ursprünglich wieder für die Infanterie. Anlage von Reitbahn und Stallungen für die Dragoner 1853-55

 

Kaserne Tempelhofer Straße [Upstall] 1898
G.-Michael Dürre, Die steinerne Garnision – Berlins Militärbauten
Selbstverlag des Autors, Berlin 2001, Vertrieb durch G.-Michael Dürre
© Selbstverlag des Autors

 

 

1889

Bau einer 2. Reithalle und Umbau unter ‚Garnison-Bauinspector‘ Bohm
[Mehr historische Bauzeichnungen und Bauanträge: Planungen auf dem Dragonerareal, bis 2009]

 

Bauplan aus dem Jahr 1889, Bauaktenkammer Friedrichshain-Kreuzberg, Ortsteil Kreuzberg
Quelle: Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg

 

 

1909

Bau der ‚Offizier-Speiseanstalt‘ direkt angrenzend an das Hauptgebäude für die Soldatenunterkünfte

Bauplan aus dem Jahr 1909, Bauaktenkammer Friedrichshain-Kreuzberg, Ortsteil Kreuzberg
Quelle: Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg

 

 

1912

Pläne für den Teilabriss von Stallgebäuden, um über den westlichen Teil des Grundstücks die Verlängerung der Lankwitzer Strasse [heute Ruhlsdorfer Strasse] zu führen.

Die Planungen beruhen auf einem Wettbewerbsentwurf für Gross-Berlin

 

Ausschnitt aus Übersichtsplan Inv.-Nr. 20513
Wettbewerb Gross-Berlin 1910, Hermann Jansen
Architekturmuseum in der Universitätsblbliothek
© Technische Universität Berlin

 

 

1914-18

Der 1. Weltkrieg verhindert sowohl den Verkauf als auch den Strassenbau, der aber erst 1949 aufgegeben wird.

 

 

1919

Beteiligung des Regiments an der Niederschlagung des Januaraufstandes. [Spartakusaufstand]

Nach einer Attacke und zweistündigen Artilleriebeschuss durch das Regiment Potsdam ergab sich die Besatzung des „Vorwärts“ am Vormittag des 11. Januar 1919.  5 Parlamentäre wurden kurze Zeit später in der Dragonerkaserne in der Belle-Alliance-Str. von Soldaten erschossen. Die übrigen etwa 300 Man zählende Besatzung wurde unter Misshandlungen ebenfalls in die Dragonerkaserne gebracht.
Quelle: Bundesarchiv Fotos online

 

1920

Garage in der zweiten Reithalle für Entente-Wagen [Fuhrpark der Alliierten Kontrollkommission]…

 


Zeichnung zur vorübergehenden Unterbringung von Kraftfahrzeugen der Entente im Neuen Reithaus Berlin

 

… und dazugehöriges Büro sowie Aufenthaltsraum.


Zeichnung zum Einbau eines Büro- und Wohlfahtsraumes im alten Reithaus, jetzt Kraftwagenraum der Alliierten Kommision“

 

 

1920er Jahre

Ein seltenes Bild der Rückseite des Gebäudes am Mehringdamm [Inflationszeit]

 

 

 

1921

Übergabe der rückwärtigen Teile [Stallgebäude, Reithallen, Nebengebäude] an H. Engels und seine Firma Translag Großgaragen GmbH – Umwandlung in Gewerbehof

 

 

 

Nordseite des ehemaligen Kasernengeländes an der Teltower Straße [heute Obentrautstraße]
Foto oben: Waschhalle von Osten, 1938
Foto unten: Waschhalle von Westen, undatiert
1 Handwerkskammer [heute verläuft hier der nach Westen verschwenkte nördliche Abschnitt des Mehringdamms] 
2 Bebauung Ostseite Belle-Alliance-Straße [abgerissen für die Kreuzung Blücherstraße/Mehringdamm] |
3 Rheinlandhaus neben den Soldatenunterkünften [Finanzamt Kreuberg]

Michael Thomas Röblitz , Berlin-Kreuzberg, Impressionen aus alter Zeit
Die Reihe Archivbilder, S. 85 | Sutton Verlag 2009
© Sutton Verlag

 

 

1923

Finanzamt Kreuzberg nutzt das Kasernengebäude

 

 

1926

Abriss der ‚Offizier-Speiseanstalt‘, um Platz für den Neubau des Rheinlandhauses zu schaffen

 


Ausschnitt Postkarte, undatiert

 

 

1927

Bau des Rheinlandhauses [Rheinland AG, Tochterfirma der Translag] im Stil der Neuen Sachlichkeit auf der Fläche der ehemaligen Offiziersgärten
Architekten Ludwig Hilbersheimer und Heinrich Kosina

 

 

1928

Eintragung des persönlichen Vorkaufsrechts der Geschäftsführer

 

 

1928

Luftbild

 

Das Rheinlandhaus steht, ebenso wie die ersten Garagen auf dem südlichen Exerzierplatz und der Neubau im Hof des Bezirksamts. Dieser nimmt den Straßenverlauf der geplanten Verlängerung der Lankwitzer Straße [Baruther Straße] vorweg, der sich auf dem Teilstück westlich vor dem Gebäude bereits abzeichnet.
Die Großgaragen entlang der Gebäudebrandwände an der Teltower Straße [Obentrautstraße] und der westlichen Grundstücksgrenze sind noch nicht errichtet.
Screenshot Berliner Morgenpost online
© Berliner Morgenpost

 

 

1938/39

Einige auf dem Gelände untergebrachten Firmen müssen von jüdischen Eigentümern unter Zwang verkauft werden.

 

 

1939-44

Folgende Firmen beschäftigten Zwangsarbeiter auf dem ehemaligen Kasernengelände:
Adlerwerke AG
Karosserie Luisenstadt GmbH
Deutsche Benzinuhren GmbH

 

Ausserdem befand sich hier ein Zwangsarbeiterlager, in dem zeitweise bis über 100 Menschen leben mussten. Nach einigen Quellen mussten sie für die Adlerwerke, nach anderen für Dr. Hans Engels [Inhaber des Generalpächters Translag Großgaragen GmbH] arbeiten.
[Quelle: Tagesspiegel]

 

 

1945

Kriegsschäden

 

Bei dieser Luftaufnahme lässt sich sowohl erkennen, welche Gebäudeteile des Kaserenenensembles zerstört wurden, als auch rekonstruieren, welche Erweiterungsbauten nach 1919 tatsächlich errichtet wurden. So weist der nördliche Exerzierhof keine Spuren von Bebauung auf, während sie auf dem südlichen Exerzierhof deutlich sichtbar sind.
Screenshot Berliner Morgenpost online
© Berliner Morgenpost

 

 

1966

Abriss Rheinlandhaus für Verlegung des Mehringdamms
Nach einem städtebaulichen Entwurf Hans Scharouns von 1962, der auf die Teilung Berlins reagierte. Der Durchgangsverkehr sollte an der Friedrichstraße vorbeigeführt werden, die nun an der Mauer endete.

Mit der Entstehung des Stadtquartiers am Mehringplatz im Sinne einer „bewohnbaren Stadtlandschaft“ zwischen 1968 und 1975 nach dem Entwurf von Werner Düttmann wurde die Friedrichstrasse im Süden von der alten Verbindung zum Mehringdamm getrennt und damit an beiden Enden zur Sackgasse.

 

Das Rheinlandhaus Ende der 50er Jahre in Vorbereitung für den Abriss
Michael Thomas Röblitz, Berlin-Kreuzberg, Impressionen aus alter Zeit
Die Reihe Archivbilder, S. 118 | Sutton Verlag 2009
© Sutton Verlag

 

 

1971

Denkmalschutz für Soldatenunterkünfte [heutiges Finanzamt Kreuzberg]

 

 

1995

Denkmalschutz für Pferdeställe, Reithallen und Pferdekrankenstation

 

 

2010

Insolvenz der Translag, Ende des Pachtvertrages
Bis heute gibt es unterschiedliche Rechtsauffassungen, ob das Vorkaufsrecht weiterhin gilt.

 

 

Oktober 2011

Damit ist der Weg frei für die BImA, das Areal zu verkaufen. Sie präsentiert das Gelände auf der Immobilienmesse ExpoReal in Müchen. Der Verkauf soll zeitnah im sogenannten Offenen Bieterverfahren realisiert werden.

 

 

Dezember 2012

Der Zuschlag für das Gelände geht an die mit mehr als 20 Mio. Euro höchstbietende ABR German Real Estate aus Hamburg.

 

 

September 2013

Auch die ehemalige Translag-Waschhalle an der Obentrautstraße, in der sich heute der LPG-Biomarkt befindet, ist nun unter Denkmalschutz gestellt, obwohl sie um 1927 errichtet wurde und damit nicht zum Originalbestand aus Kasernenzeiten gehört.

 

 

November 2013

Das öffentliche Dialogische Planungsverfahren beginnt mit einer Auftaktveranstaltung.

 

 

Januar 2014

Der Investor ABR German Real Estate tritt wegen fehlender Planungssicherheit vom Kaufvertrag zurück. Nur die Aufstellung eines neuen Bebauungsplanes, der das Areal als Mischgebiet ausweist, sichert Investoren die Entwicklung mit hochpreisigen Wohnimmobilien.

 

 

Juni 2014

Die BImA eröffnet erneut das Höchstbieterverfahren.
Stichtag für die Abgabe des Angebotes ist der 31.07.2014.
Der Bezirk hat deutlich gemacht, dass kein Planungsbedarf besteht [alter Bebauungsplan gilt unverändert] solange die BImA am Höchstbieterverfahren festhält.

 

 

Oktober 2014

Arne Piepgras legt mit 36 Mio. Euro das Höchstgebot auf den Tisch. Er kündigt an, das Gelände für Gewerbe, Kunst, Kultur und Wohnen zu entwickeln. Teilweise soll parzelliert und weiterverkauft werden.
Die Zustimmung des Haushaltsausschusses des Bundestages steht zwar noch aus, ist aber aufgrund der Mehrheit von CDU und SPD sicher.

 

 

Februar 2015

Piepgras ist nur ein Zwischenverwerter und vermittelt nach einigen Querelen ’sein Angebot‘ an Herrn Dr. EbM, Geschäftsführer eines verschachtelten Firmenkonsortiums, dessen Zentrum die EPG Global Property Invest mit Sitz in Prag ist. Für das ehemalige Kasernengelände wird die Dragonerhöfe GmbH aus der Taufe gehoben. Piepgras ist mit 10% durch seine Gerichtstraße 65 GmbH daran beteiligt.

Dragonerhöfe GmbH

Geschäftsführer_innen
Dr. Werner Anton Ebm
Isabella Maria Ponta
[Arne Piepgras*]

Anteilseigner_innen
Firma European Property Group Holding AG mit 84.9%
Dr. Erik Steger mit 5.1%
Firma Gerichtsstraße 65 GmbH mit 10.0%

Die European Property Group Holding AG wird geführt von:
Martin Vincenz, Präsident, Einzelunterschrift
Dr. Werner Anton Ebm, Kollektivunterschrift zu zweien
Isabella Maria Ponta, Kollektivunterschrift zu zweien

Hinter dieser ganzen Konstruktion steht folgendes Unternehmen:
EPG Global Property Invest, Prag
und wieder:
Dr. Werner Anton Ebm, Vorstands- und Beiratsvorsitzender
Isabella Maria Ponta, Marketingvorstand und Beiratsmitglied
Bei beiden handelt es sich um die Firmengründer_innen

* Arne Piepgras konnte sich für den spekulativen Weiterverkauf seines BImA-Deals immerhin noch 10% an den ‚Dragonerhöfen‘ sichern – in Form der ‚Gerichtstraße 65 GmbH‘.

 

 

Juni 2015

Zwar haben die CDU- und SPD-Mitglieder des Haushaltsausschusses des Bundestages den Verkauf durchgewunken, doch der Finanzausschuss des Bundesrates hat die Entscheidung auf Drängen des Berliner Finanzsenators Kollatz-Ahnen bereits zwei Mal vertagt. Berlin verhandelt mit dem Bund über ein großes Paket von Wohnungen und Grundstücken, zu denen auch das ehemalige Kasernengelände gehören soll.

 

 

10. September 2015

Der Finanzausschuss des Bundesrates stimmt gegen den Verkauf an die Dragonerhöfe GmbH.

 

 

November 2015

Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt startet mit einer Website offiziell die vorbereitenden Untersuchnungen [VU] mit begleitenden Informationen und Materialien.

 

 

08.12.2016

Erste Bürger*innenveranstaltung im Rahmen der VU zum Sanierungsgebiet.

 

 

30.01.2016

Bürger*innenwerkstatt im Rahmen der VU zum Sanierungsgebiet.

 

 

05.07.2016

Der Senat beschließt die Ausweisung des Rathausblocks mit der ehemaligen Dragonerkaserne als umfassendes Sanierungsgebiet.

 

 

29.11.2016

Das Bundesfinanzministerium gibt bekannt, den Verkauf an die Dragonerhöfe GmbH rückgängig zu machen.

 

 

08.05.2017

Das Grundstück wurde an diesem Tag zwar im Rahmen des Bund-Berlin-Vertrags durch Geländetausch an Berlin übergeben – allerdings nur unter Vorbehalt. Wegen der angekündigten Klage der Dragonerhöfe GmbH sieht das Finanzministerium die Rückabwicklung noch in der Schwebe.

 

 

weiter zu…

Leben | Menschen | Arbeit
Planungen bis 2009
Planungen ab 2010

 

 

Quellen

Geschichtslandschaft Berlin
Orte und Ereignisse
Band 5, Kreuzberg
III Tempelhofer Vorstadt
Brücker, Eva
Kaserne des 1. Garde-Dragoner-Regiments
Hrsg. Helmut Engel, Stefi Jersch-Wenzel, Wilhelm Treue
Historische Kommission zu Berlin
1994, Nicolaische Verlagsbuchhandlung

Kunstamt Kreuzberg, Kreuzberg-Museum: „Die Zerstörung Kreuzbergs aus der Luft“ von Erik Smit, Dirk Thormann, Evthalia Staikos, Liste der Kreuzberger Firmen

Der Tagesspeigel, 16.03.2013
NS-Lager des Deutschen Reiches am Beispiel Mehringdamm

Zschocke, Helmut 
Die Berliner Akzisemauer, Die vorletzte Mauer der Stadt 
2007, Berlin Story Verlag

Luisenstädtischer Bildungsverein e.V.
www.luise-berlin.de

 

 

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